Projektziele

Gesamtziel:

Schaffung attraktiver, durchlässiger und transferfähiger Bildungs- und Beratungsangebote in der schulischen und außerschulischen beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie in der akademischen Bildung im blended-learning-Design am Beispiel neuer Anforderungen durch Industrie 4.0 und Künstlicher Intelligenz unter strategischer Nutzung der ersten Fortbildungsstufe bzw. der DQR-Stufe 5 für den städtischen und ländlichen Bildungsraum.

Im InnoVET-Projekt BIRD werden durchlässige Strukturen innerhalb des Berufsbildungsbereichs und zwischen beruflicher und akademischer Bildung aufgebaut. BIRD geht davon aus, dass ‚die‘ Berufsbildung und ‚die‘ Hochschulbildung komplexe Systeme sind. Im InnoVET-Projekt BIRD werden berücksichtigt: Als Bildungsanbieter die schulische Berufsbildung, und zwar in Berufsschulen (Ausbildung) und Fachschulen (Weiterbildung), die sog. IHK-Fortbildung und die Hochschulen sowie als Bildungsnachfragende Unternehmen bzw. Erwerbstätige, einschließlich Auszubildende sowie Studierende. Diese Bereiche unterliegen verschiedenen, die Zusammenarbeit erschwerenden, unterschiedlichen Handlungsregimen. Durch die Zusammenarbeit wird das Konstrukt der Lernortkooperation radikal erweitert und regionale Netzwerke bzw. Netzwerke der Regionalentwicklung gestaltet. Dabei wird sowohl der städtische, als auch der ländliche Entwicklungsraum systematisch berücksichtigt. Durchlässigkeit wird in BIRD umfassend verstanden und umfasst zum einen reziproke Wechselmöglichkeiten zwischen der akademischen und beruflichen Bildung, hybride Bildungsangebote, die Elemente aus verschiedenen Bereichen kombinieren sowie konvergente Bildungsangebote, die bildungsbereichsübergreifend entworfen und durchgeführt werden.

Mit der BBiG-Novelle wurde der Fortbildungsabschluss „Geprüfter Berufsspezialist“ bzw. „Geprüfte Berufsspezialistin“ (BBiG § 53b) verankert. Die praktische Implementierung steht ebenso wie deren Erforschung noch ganz am Anfang. Bisher sind Angebote beruflicher Bildung auf der korrespondierenden DQR-Stufe 5 in Deutschland noch vergleichsweise selten. Das aktuelle Verzeichnis (www.dqr.de) weist auf dieser Stufe nur 47 Qualifikationen aus, während auf der Stufe 4 (619 Qualifikationen) und der Stufe 6 (451 Qualifikationen) deutlich mehr Angebote gelistet sind. In BIRD soll das Profil der 1. Fortbildungsstufe „Geprüfter Berufsspezialist“ bzw. „Geprüfte Berufsspezialistin“ (BBiG § 53b) deshalb geschärft werden. Bisherige qualitative Beschreibungen sind noch sehr unscharf und gehen oft nicht über die vom Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung beschriebenen Qualifikationsziele hinaus. Bislang zeichnen sich drei Richtungen für die Präzisierung der Kompetenzunterschiede zwischen den DQR-Stufen 4, 5 und 6 ab. Nämlich:

  • vertiefte Fachkompetenzen,
  • Kompetenzen für die Begleitung betrieblichen Lernens, z. B. die Entwicklung von Kompetenzen für die Selbst- und Teamentwicklung bzw. für die Aus- und Fortbildung und ggf. in Teilen, Führung von Mitarbeitenden,
  • die Projektmanagementkompetenzen, einschließlich Innovationskompetenzen.

Dabei ist es hinsichtlich der Beschreibung der DQR-Stufe 5 nicht ausreichend, einfach Themen oder Desiderate, die eigentlich auf der Stufe 4 aktualisiert werden müssten, aufzurufen. Vielmehr ist in den dazu bereits durchgeführten Interviews der Konzeptphase deutlich geworden, dass es notwendig ist, die Kompetenzen – und eben nicht nur die Themen – entlang der drei genannten Richtungen zu präzisieren und in der Komplexionshierarchie des DQR gegenüber den DQR-Stufen 4 und 6 abzugrenzen. Das InnoVET-Projekt BIRD soll sowohl für die konzeptionellen Grundlagen zur Abgrenzung der Stufen als auch für die Prozesse der Abgrenzung, z. B. in Neuordnungsverfahren, Ergebnisse liefern.​
Im internationalen Vergleich wird deutlich, dass die Stufen, die der DQR-Stufe 5 entsprechen, in anderen Ländern deutlich stärker ausgeprägt sind und für die Durchlässigkeit von akademischer und beruflicher Bildung eine strategische Bedeutung haben. Die «höherqualifizierende Berufsbildung» (BBiG) oberhalb der EQF-Stufe 4  bzw. die Higher Vocational Education (HVE) ist jedoch oft unscharf definiert und hat große Überlappungen zur Weiterbildung (CVET) und zur akademischen Bildung (HE). In der Konzeptphase des Projektes BIRD wurde aufgrund der eigenen Recherchen und Experteninterviews zudem deutlich, dass kein Pendant in Europa bekannt ist, das Qualifikationen wie in BIRD auf dem EQF-Niveau 5 aus Lernergebniseinheiten verschiedener Institutionen zusammensetzt. BIRD weist das Potenzial auf, im europäischen Kontext eine Vorreiterfunktion einzunehmen.

Entsprechend der unterschiedlichen Handlungsregime der Kooperationspartner unterscheiden sich die Prozesse, die Vorgaben und Gewohnheiten sowie die Ergebnisse der Ordnungsarbeit in den einzelnen Bildungsbereichen stark. Dies gilt für die Ausbildungsordnungen und die begleitenden Lehrplanverfahren (GEP), die Fortbildungsordnungen des Bundes bzw. die Fortbildungsprüfungsordnungen der zuständigen Stellen und die begleitenden Verfahren für Rahmenpläne, aber auch für Fachschulordnungen, Lehrpläne und Handreichungen der Landesinstitute sowie die Prüfungs- bzw. Studienordnungen der Hochschulen. In BIRD wird herausgearbeitet, wie die Ordnungspraxis, z. B. der Aufbau von Fachschul- oder Fortbildungsordnungen, so gestaltet werden kann, dass die Durchlässigkeit unterstützt werden kann – ohne jedoch das jeweilige Handlungsregime zu ignorieren oder gar einzuebnen.

Die im InnoVET-Projekt BIRD integrierten Bildungsbereiche arbeiten in den unterschiedlichen Handlungsregimen, d. h. auch unter unterschiedlichen ökonomischen Bedingungen. Dies wird in BIRD durch die Entwicklung von Geschäftsmodellen für bildungsbereichsübergreifende Angebote berücksichtigt.

Die Erzeugung neuer, bisher unbekannter Übergänge in den Bildungsbiographien stellt die Teilnehmenden vor die Herausforderungen, diese Übergänge zu bewältigen. Daher werden im Rahmen eines Orientierungskonzepts Informations-, Beratungs- und Reflexionsangebote implementiert, die losgelöst vom Fokus auf die eigene Organisation, bereichsübergreifend angeboten werden sollen. ​Ziel ist die Bündelung der Expertise, die die Beratenden durch ihre unterschiedlichen Beratungskulturen mitbringen, um die Ratsuchenden bei der Bewältigung der Übergänge zu unterstützen und um ihnen die nötigen (Übergangs-) Kompetenzen zu vermitteln.
Das Konzept soll den Teilnehmenden sowohl bei einer Aufstiegsorientierung als auch bei einer Neuorientierung aufgrund eines Abbruchs als Unterstützung dienen. ​
Angebote in Präsenz und virtuell verzahnen sich in diesem Konzept sinnvoll miteinander.

Die digitale Transformation führt nicht nur zu einer Vertiefung der Fachkompetenz, sondern impliziert umfassende Kompetenzanforderungen.​
Die Entwicklung in BIRD setzt exemplarisch an zwei gewerblich-technischen Ausbildungsberufen an, deren Handlungsfelder eine große Nähe zu Industrie 4.0 aufweisen. Diese sind „Industriemechaniker/-in“ und „Mechatroniker/in“. Um die Hybridisierung der beruflichen Bildung abdecken zu können, wird mit dem Ausbildungsberuf „Industriekaufmann/-frau“ auch ein kaufmännischer Ausbildungsberuf mit einer großen Nähe zu Industrie 4.0 gewählt. ​
Nach einer fundierten Bedarfserhebung sollen auf Basis dieser Ausbildungsberufe fachspezifische und fachübergreifende Module zu Industrie 4.0 Handlungsfeldern auf der DQR-5-Ebene entwickelt und erprobt werden.

Die Qualifikation wird im blended-learning-Design konzipiert und sieht daher eine systematische Verzahnung von Präsenzveranstaltungen mit digital gestützten Selbstlernphasen vor. Beide Veranstaltungsformen übernehmen dabei spezifische Aufgaben im Lehr-Lernprozess, die aufeinander abgestimmt sind. Mithilfe eines zentralen Learning-Content-Management-Systems (LCMS) lassen sich Lehr- und Lernmaterialien in Form von Open Educational Ressources (OER) mehrfach nutzen und untereinander teilen. ​
Trotz der Selbstlernphasen kommt der soziale Aspekt bei BIRD nicht zu kurz. Dieser wird gleichwohl durch Kollaborationen in den Präsenzveranstaltungen, als auch durch digitale Elemente der Kommunikation in den E-learning-Phasen abgedeckt.

Die wissenschaftliche Begleitung in BIRD wird als designbasierte Forschung erfolgen. Sie ist zyklisch angelegt, d. h. sie berücksichtigt die drei Zyklen der Problempräzisierung:

  • Aufbereitung wissenschaftlicher Erkenntnisse
  • Entwicklung, Erprobung und Evaluation
  • Revision

Die Forschung ist zudem partizipativ angelegt, d. h. sie erfolgt in einer engen Kooperation von Praxis und Wissenschaft und setzt im Projektkonsortium auf mehrjährige Zusammenarbeit. Diese Anlage der Forschung unterstützt die Entwicklung und den Transfer sozialer Innovationen in besonderer Weise. Eine zentrale Rolle spielt die Erstellung der Prinzipien zur Gestaltung von Lösungen zu den Teilzielen von BIRD.
Diese Gestaltungsprinzipien werden nicht ‘allgemeingültig’ definiert, sondern berücksichtigen in BIRD systematisch zwei verschiedene Kontexte und dies innerhalb eines Antrags: Den städtischen und den ländlichen Kontext.